Warum mehrere Berufe das neue „Get a real Job“ sind.
Wenn sich in den letzten Jahren etwas signifikant verändert hat, dann das: Ich kann die Frage “Was machst du beruflich?” nicht mehr mit nur drei Worten beantworten.
Jahrelang hat “Ich bin Werbetexterin” gut funktioniert, und alle (außer meiner Mutter vielleicht) hatten ein klares Bild im Kopf, wie ich beruflich zu sein habe. Wer wollte, konnte mein Jahresgehalt googeln, zumindest ungefähr. Das war beim Networking, bei Vorstellungsgesprächen und bei Klassentreffen gleichermaßen praktisch, auch für mich selbst.
Portfolio Careers sind das neue “Get a real Job”.
Ich mache gerade die Erfahrung, dass immer mehr Menschen einen klassischen Beruf durch so genannte Portfolio Careers ablösen: das Kombinieren mehrerer Einkommensquellen zu einem multiplen Berufs-Ich, das ihnen mehr kreative und finanzielle Möglichkeiten bietet.
Auch wird ein multiples Einkommen, das sich aus mehreren Welten generiert, als deutlich sicherer empfunden, gerade wenn KI eine oder zwei deiner Welten übernimmt.
Eine Modelkollegin ist nicht nur Handmodel, sondern besitzt meines Wissens nach auch ein eigenes Schmucklabel, ist Fotografin und unterrichtet Englisch an einer Berufsschule. Ich selbst verdiene mein Geld als Model, Influencerin und Businessberaterin für alle, die kreativen oder strategischen Rückenwind brauchen. Meine Podcast-Partnerin ist Wechseljahre-Influencerin und Geschäftsführerin eines touristischen Unternehmens. Welches Urlaubsland bald aufgrund politischer Probleme zur No-Go-Zone erklärt wird, weiß jetzt noch keiner. Aber dass Frauen in die Wechseljahre kommen? Sicher.
Bye Bye Kernberuf, Hello Patch-Working.
Auffällig ist, dass die einzelnen Professionen oft nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Steuerberaterinnen modeln in Paris. Ärztinnen verkaufen nebenher E-Books zum Thema Gärtnern. Dazu kommt, dass die traditionelle Denke von Haupt- und Nebenjob nicht mehr aufgeht.
Bin ich eine Business-Beraterin, die modelt oder doch ein Model, das CEOs in Sachen Business berät? Das erste klingt nach Beruf plus fancy Nebenjob, das zweite fast ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Beides stimmt.

Übrigens: Was zählt eigentlich alles als Beruf, was nicht?
Ist eine Schauspielerin, die eine riesige Content- und Shop-Plattform oder einen Buchclub bei Substack mit einer halben Million Abonnent:innen hat, nur eine Schauspielerin? Ist ein CEO, der seine Musik bei Spotify veröffentlicht oder ein Café hat, nur ein CEO? Bin ich nur das, mit dem ich unmittelbar Geld verdiene? Bin ich nicht auch noch Autorin dieses Artikels und Podcasterin?
Natürlich kann ich nach Kompetenz oder Einkommen vorgehen, um meinen Kernberuf zu identifizieren. Fakt ist aber, dass ich alles, was ich mache, professionell ausübe und auch brauche, um davon zu leben. Income Stacking nennt sich das, die Kombination aus mehreren Einkommen zum persönlichen Geldtraum.
Wenn ich also mal ins Straucheln gerate bei der Beantwortung der Frage, wer ich eigentlich bin, dann weiß ich zumindest eines: Ich bin gut aufgestellt.
Jetzt bin ich viele, und ich bin nicht die Einzige damit.
Wenn “Ich bin (___)” nicht mehr die Antwort ist, wie lautet dann die Frage?
Ich glaube, die entscheidende Frage ist nicht mehr “Was machst du beruflich?”, und die Antwort auf diese Frage gibt uns auch oft keine pauschale Sicherheit mehr. Schon alleine, weil unsere Definition von Sicherheit sich stündlich ändert.
Gestern war ich noch Werbetexterin, heute stelle ich fest, dass es den Job schon fast nicht mehr gibt. Heute bezeichne ich meinen Modeljob als sicher, morgen wird er vielleicht ebenso von KI übernommen. Aktuell verdiene ich mein Geld auf Instagram, aber ist es nicht sicherer, auf mehreren Plattformen Geld zu verdienen? Oder noch besser: auf meiner eigenen? Sicher ist, dass eine einzige Plattform, ein einzelner Job oder ein einzelner Geldfluss unter Umständen nicht sicher ist.
Das Leben ist kein (Geld-)Fluss mehr, es ist ein Ozean.
Eigentlich ein gutes Gefühl, wenn man sich als Gen X dran gewöhnt hat. Viele von uns sind dazu erzogen worden, Lehrer:innen und Ärzt:innen zu werden. Daher fühlt sich meine Portfolio Career schon mal nach multipler Persönlichkeit an, mit der ich erst mal klarkommen muss.
Beruf übernimmt Identität? Das ist vorbei.
Ich schätze, Gen Z identifiziert sich nicht mehr so stark über den Job, wie wir das als Gen X getan haben. Berufe sind nicht mehr identitätsbildend, sondern die eigene Identität bleibt im Vordergrund, in all ihren Facetten. Pro Facette ein Job? Dank technologischem Fortschritt durchaus machbar.
Die neue Frage lautet daher für mich: “Wie bin ich als Persönlichkeit und welches Skill-Set passt zu mir?” Oder sogar: “Warum bin ich?”. Eigentlich die viel geileren Fragen, wenn ich das hier mal so Gen X-ig ausdrücken darf. Auch, weil in einer Welt, in der sich ständig alles verändert, die eigene Persönlichkeit oder Haltung sichere Konstanten darstellen.
Letzte Woche habe ich Schulkameradinnen getroffen, die ich über 30 Jahre lang nicht gesehen habe. “Und was machst du so beruflich?”, fragt mich eine davon. “Ich bin Model und Influencerin” sage ich. Immerhin schon mal fünf Worte statt drei.
Oder besser: Hallo, ich bin die Nina. Schön, dich hier zu sehen.


