Warum Gen X jetzt auch Überstunden im Jungsein macht.
Nur, um das hier mal kurz klarzustellen: Ich will nicht die jüngste 55jährige sein, und das meine ich absolut ganzheitlich. Ich will weder so aussehen, noch mich so benehmen, im Job so rüberkommen oder so reden. Echt nicht.
Zugegeben, Jungsein war schön. Zumindest im Nachhinein.
Ich bin Jahrgang 1971, Generation X, hab den Jahrtausendwechsel tanzend in Hamburg miterlebt und schon gelebt, als man sich noch zwischen Telefonieren und Surfen im Internet entscheiden musste.
Kurz: Ich bin nicht bis hierher gekommen, um jetzt mit Infrarotmaske im Gesicht in der Zeit zurückzureisen oder mich mit Anti-Aging-Stuss in meine 20er zurückzucremen, weil: Da war ich schon. War schön, zumindest in Teilen. Aber ich bin mit 55 noch nicht vergesslich genug, um mir einzubilden, dass mit 25 alles einfach nur Zucker war.
Ich will irgendwann die älteste Oma am Strand sein, nicht die jüngste bei Instagram. Ich will die sein, die im Park die Eichhörnchen füttert und irgendwann vor Lachen tot umfällt.
Gen X könnte Kult sein. Ohne die ganze Kosmetik.
Aktuell bin ich erfreulicherweise fit, und Gen X Frauen sind gerade in Mode. Bei Social Media wird unser Alter sogar oft als Reichweitentreiber eingesetzt. Leider jedoch nur mit dem Hinweis, dass man es uns selbstverständlich nicht ansieht:
Ich bin 60, aber meine Beine sehen aus wie 25. Für mich persönlich uninteressant. Ich bin 55 und lebe noch, trotz Kokos-Sonnenöl mit Lichtschutzfaktor 0, keinen Anschnallgurten hinten im Auto, Kettenrauchen, Modern Talking und Dauerwelle. Schon interessanter.

Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein, also: Longevity.
Alt werden alleine ist ein alter Hut, damit lässt sich kein Geld mehr machen, es sei denn wir reden davon, sehr alt zu werden, während wir alle beim Joggen in einem Stadtpark unserer Wahl sehr jung aussehen, sprich: Longevity.
Was früher einfach nur logisch war, beispielsweise der kausale Zusammenhang zwischen intelligentem Verhalten dem eigenen Körper gegenüber und Langlebigkeit, wird heute eine Marketingsause, bei der mir selbst als Beauty- und Pro-Age-Influencerin sowie nach 25 Jahren Werbung die Gemüsesticks im Hals stecken bleiben.
Ich will so bleiben, wie ich bin. Ernsthaft?
Meine Generation X, die mit Topmodels, Brigitte-Diäten und glatt gelogenen Slogans wie „Du darfst“ aufgewachsen ist, macht jetzt Überstunden im Fitnessstudio, anstatt sich mal locker zu machen.
Warum können wir das nicht: loslassen und die nächsten Jahre genießen? Warum werden gerade für uns die Botschaften und Angebote, wie wir jung aussehen können, immer abstruser? Haben wir es nicht langsam verdient, alle unsere Überstunden im Perfektsein als Urlaub einzureichen?
Schließlich haben wir neben Leistungsdrogen, Kohlsuppen-Diäten und Schulterpolstern auch die Work Life Balance erfunden, zumindest als theoretischen Begriff.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir irgendwann kurz hinter „Weil ich es mir wert bin“ völlig falsch abgebogen sind.

Ich will nicht die Jugendlichste bei Instagram, sondern die Älteste am Strand sein.
Ich will die 55jährige sein, auf die mein 25jähriges Ich stolz wäre. Ich will eine von Glück erfüllte 60jährige sein, mit 70 noch eine gute Gesprächspartnerin für meine Kinder, mit 80 weiterhin glücklich verheiratet und mit 90 so bunt angezogen wie Iris Apfel. Vielleicht habe ich mit 100 dann Beine wie mit 75, who cares, ich lass es euch wissen.
Ich will die Zeit nicht anhalten, weil ich sie nicht anhalten kann.
Wenn ich sie anhalten könnte, dann säßen wir alle für immer an einem ganz normalen Donnerstag beim Abendessen und lachen. Mein Mann, die Kinder und ich, und die Katzen liegen schlafend neben uns in der Sonne. Und wen interessiert‘s da schon, wie alt wir gerade sind.


