Letztens war ich mal wieder beim Friseur und wollte mir logischerweise die Haare schneiden lassen. Als ich durch den schmalen Gang des Friseurladens der dritten Generation in der Bonner Innenstadt gehe, kommt mein Friseur mir bereits entgegen, bleibt stehen, mustert völlig unbewegt meine Haare und sagt den fast schon Soap-verdächtigen Satz: „Ich dachte ich sehe Sie nie wieder“.
Nun sollte ich vielleicht erklären, dass ich in Sachen Friseurbesuch und -laden die Kontinuität einer Serienfremdgängerin besitze. Ich verliebe mich schnell in neue Friseurläden, und die Hormone sorgen dann auch einige Zeit dafür, dass ich mit allen Haarschnitten, die ultrahippe Menschen an mir ausprobieren, absolut glücklich und zufrieden bin. Mein Mann (der Friseure nur wechselt, wenn sie ihren Beruf an den Nagel hängen) schüttelt zu dieser Zeit schon den Kopf und weiß, was kommen wird. Selbst.ver.ständ.lich höre ich aber kein bisschen auf ihn.
Ich gehe lieber fröhlich zu meinem neuen Lieblingsstylisten oder -in und probiere vom feschen Trend-Cut bis zum überlangen Pony alles aus, was man in einer neuen Friseur:innen-Mensch-Beziehung so ausprobieren kann. Und wie alle frisch Verliebten bin ich absolut außerstande, das, was sich auf meinem Kopf abspielt, auch nur ansatzweise korrekt zu beurteilen.
Verklärt blicke ich in den Spiegel und denke: Mal was anderes. Und dann gucke ich schnell weg, um weiter verliebt sein zu können.
Nina Daily
Ich gehe also weiter zum besagten Friseurladen, wenn auch seltener. Ich hatte Kopfschmerzen und konnte nicht kommen. Dieses ohnehin schon feige Verhalten geht schleichend in eine lange Phase des Verschweigen meiner eigenen Bedürfnisse über, die man mir so gar nicht zugetraut hätte. Manchmal denke ich, dass der oder die Hairstylistin gerade genau dasselbe durchmacht, wenn unsere Blicke sich im Spiegel begegnen. Ja, gefällt mir gut, sage ich tonlos zum Spiegel und bin mir absolut im Klaren darüber, dass Vortäuschen nie lange gutgeht. Immerhin lasse ich mir inzwischen keine blonden Strähnen mehr machen.
Nach ein paar Monaten folgt unweigerlich die Phase des stillen Zweifelns, ob das alles so nötig war und die Einrichtung des Ladens sowie der persönliche Kleidungsstil des Menschen mit Schere in direkter Verbindung oder im krassen Gegensatz zum Gelingen meines Haarschnitts stehen. Dabei schwankt mein innerer Monolog – wie in jeder langsam erkalteten Liebesbeziehung – zwischen einem wohlwollenden „Konntest du nicht wissen“ und einem „Typisch, du hast mir wieder kein bisschen zugehört“. Aber dann denke ich mir wieder, dass der Aufwand, eine neue Beziehung einzugehen, einfach zu viel Beziehungsarbeit für mich wäre. Im Klartext: Ich bin zu faul, um wieder da rauszugehen und im Internet nach Läden in der Kölner oder Bonner Innenstadt zu swipen.
Trotzdem ist es der Anfang vom Ende. Unausweichlich kommt der Punkt, den man in Liebesbeziehungen als Knall bezeichnen würde. In meinen Friseurladenbeziehungen sieht er so aus: Ich sitze im Kölner Westen in meinem im Parkverbot geparkten Auto, heule und versuche, das ganze Ausmaß der Katastrophe, die sich über ein halbes Jahr angekündigt hat und die sich jetzt als schlimmer Zickzackschnitt auf meinem Kopf befindet, im Rückspiegel zu überblicken. „Stufen haben wollen“ sind das Hairstyling-Pendant zum Beziehungswort „treu sein“. Fassungslos denke ich darüber nach, wie man sowas Glasklares falsch verstehen kann, muss mir selbst aber eingestehen, dass wir nie offen darüber geredet haben. Siehe Schweigephase. Kurz überlege ich, meinen Mann anzurufen, aber ich kann auch in meinen besten Beziehungen nur ein gewisses Maß an „Ich hab dir das schon von Anfang an gesagt“-Gesprächen ertragen.
Die Beziehung zu meinem Hairstylisten oder -in kann ich mir sowieso jetzt in Haare schmieren. Nun könnte ich spätestens an dieser Stelle erwachsenes Verhalten in Form eines klärenden Gesprächs zeigen. Aber wie meine Freundin Doro letztens bemerkte, steige ich immer aus, wenn es schwierig wird. Daher rufe ich einfach nie wieder bei diesem Friseurladen an, und niemand wird je wissen, an welchem Punkt in unserer Beziehung wir das Ruder noch gemeinsam hätten herumreißen können. Jeder Mensch hat eben so seine festgefahrenen Beziehungsmuster, die wie kleine Karos in deine mentale Steppdecke eingewebt sind. Ich bin jetzt 54, und Exstylist:innen pflastern meinen Weg. Manchmal merke ich beim Shoppen im Kölner Belgischen Viertel ihre vorwurfsvollen Blicke in meinem Rücken.
Bonn. Mein Friseur sieht mich also an, und ich möchte ihm plötzlich sagen, dass es mir leid tut. Dass ich damals unbedingt diesen Stufenschnitt aus dem Internet haben wollte, auch wenn ich zu dünne Haare habe, wie er mir mehrfach nach 30 Jahren Berufserfahrung versicherte. Ich will ihm sagen, dass ich seine Aufrichtigkeit geliebt und sein Unvermögen, sich mir komplett gegen seine Professionalität völlig zu unterwerfen gehasst habe. Dass ich auch nur eine Kundin bin, die vor einem Friseurmeister steht und ihn bittet, sich das mit den Stufen noch mal zu überlegen. Dass es an mir lag und nicht an ihm. Dass er mich doch nicht gleich abschreiben muss, nur weil ich mich läppische zwei Jahre nicht habe blicken lassen.
Ach, ehrlich? Sage ich. Und dann, während ich beim Haargewaschen die Augen schließe, träume ich vom Ankommen. Von Vertrauen, von tiefer Loyalität und von stiller Nähe ohne Worte. Und krame schon mal das Handyfoto vom neuesten Shaggy Cut raus.
Foto von Guilherme Petri auf Unsplash