Montag. Ich schnappe einen Bericht auf, dass manche Kinderlieder nicht mehr gesungen werden sollten. Zum Beispiel Drei Chinesen mit dem Kontrabass. Da die Nachricht an Irrelevanz nicht mehr zu überbieten ist, beschäftigt sie mich den ganzen Tag. Innerlich gehe ich den Text durch. Drei Chinesen mit dem Kontrabass saßen auf der Straße und erzählten sich was. Da ich zufällig seit fast 25 Jahren die Frau eines Profibassisten bin, kann ich jetzt erst mal nichts Komisches daran finden, dass drei internationale Musiker nach dem Gig wahrscheinlich noch ein Schwätzchen halten, in der Regel über Effektgeräte oder wer welche Box in welches Auto lädt. Also muss das Problem darin liegen, dass die drei Musiker Chinesen sind. Ich öffne Chat GPT und versuche eine eindeutige Frage zu formulieren, damit zwischen der Künstlichen Intelligenz und mir keine Missverständnisse aufkommen.
Ich so: Wie nennt man die Einwohner Chinas?
Chat GPT: Die Einwohner Chinas nennt man: Chinesen (Singular: der Chinese / die Chinesin).
Falls du eine Variante für einen bestimmten Kontext suchst (z. B. geografisch, kulturell, politisch), sag gerne Bescheid.
Okay. Reicht bis hier, danke. Du kannst ja heute nie sicher sein, dass du nicht aus Versehen die Einwohner eines kompletten Landes beschimpfst, weil ihre Bezeichnung zum No Go geworden ist, während du selbst sonntags einfach mal ausgeschlafen hast. Für die Chinesen scheint das nicht zuzutreffen. Es sei denn, man wolle heute von Chinesen und Chinesinnen reden, aber offenbar handelt es sich um drei Männer. Bassisten sind meiner Erfahrung nach sowieso häufig Männer, weiß der liebe Himmel warum. Bis hierhin also alles recht unbedenklich im Lied, denke ich.
Ich singe mir innerlich die zweite Zeile vor. Da kam die Polizei ja was ist denn das? Also ehrlich gesagt ist ja klar, dass eine ambitionierte Streife vielleicht anhält, wenn drei Leute mit einem sehr großen Saiteninstrument nach einem Konzert die Straße versperren. Es wir ja keiner festgenommen, und jeder von uns hat sich schon mal in allen möglichen Lebenssituationen „Ja was ist denn das?“ gefragt.
Morgens vorm Spiegel: „Ja was ist denn das?“ Letztens beim Date: „Ja was ist denn das?“
Oder in diesem neuen Restaurant, als die viel zu kleine Vorspeise ankam. Wieso nicht auch die Polizei? Das kann doch schon mal vorkommen. Ich glaube nicht, dass Polizisten bei Bassisten zu Rassisten werden, sondern sie höchstens für verlaufene Touristen gehalten haben. Verlaufen im Sinne von verirrt, nicht geschmolzen.
Ich hake das Thema ab, natürlich nicht ohne die Künstliche Intelligenz zu fragen, ob es noch weitere Textzeilen gibt, die ich vielleicht vergessen habe. Dann habe ich zwanzig Minuten lang den Spaß des Tages, weil ich bis hierhin völlig vergessen hatte, dass wir früher das Nichtvorhandensein eines Handys mit totalem Kappes kompensieren mussten. Kappes war übrigens ein Lieblingswort meines Vaters. Das ist doch Kappes, Schätzchen. Oder wie wir heute sagen: Ja was ist denn das?
Da das Gehirn selten aufhört zu denken, kratze ich aus demselben die restlichen Kinderlieder zusammen, an die ich mich noch erinnern kann. Kurioserweise fällt mir als erstes Schneeflöckchen, Weißröckchen ein, also kein einziges. Obwohl: Fuchs, du hast die Gans gestohlen. Oha, Diebstahl und Gewaltandrohung. Da steht ein Pferd auf dem Flur. Nicht artgerechte Haltung. Ich muss jetzt Mittagessen machen.
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