Ich geb’s nicht gerne zu, aber seit gestern Abend, schätzungsweise 22:30, beschäftigt mich ein einzelner Social Media Post, in dem Sophie Passmann alle Frauen über 50 mehr oder weniger humorig dazu aufgefordert hat, doch bitte das Internet zu verlassen. Dem vorangegangen war ein Kommentar einer ihrer Followerinnen, dass Frau Passmann auf dem roten Teppich bei der Berlinale ihre Natürlichkeit verloren habe.
Die besagte Followerin hat, soweit ich das im Nachhinein recherchieren konnte, zwei eigene Follower:innen, ein Profilbild, das eine Italienkarte aus dem Geographieunterricht zeigt, ein paar Zahlen im Profilnamen (also sowas wie Beate_8363) und ein privates Instagram Profil, das sich mir gegenüber durch gähnende Leere auszeichnet, unter anderem deshalb, weil es nun mal privat ist.
Mag sein, dass das alles zusammengenommen der Geheimcode für Frauen in der Lebensmitte ist, ich wäre echt die Letzte, die sowas erfährt.
Ich habe auch erst vor schätzungsweise 14 Tagen zufällig erfahren, dass man auf Kreuzfahrten tunlichst nichts mit Ananas drauf anziehen sollte, weil das der Geheimcode dafür ist, dass man Lust hat einen Swingerclub zu gründen. Ist jetzt nicht so schlimm, weil ich Kreuzfahrten verabscheue, ohne jemals auf einer gewesen zu sein. Dasselbe gilt für Swingerclubs. Egal.
Zwei Sachen waren es, die mich an dem besagten Post so beschäftigen. Zum einen mag ich Frau Passmann, natürlich unbekannterweise, also ich mag ihre Haltung, den offiziellen Passmann-Teil aus dem Internet, völlig egal ob im Abendkleid oder nicht. Ihr Podcast bringt mich weiter, was soviel heißen soll wie: Ich denke beim Hören über Sachen nach, über die ich sonst nicht nachdenke. Außerdem fühlt sich der Passmann-Monolog ohne Gäste an wie Fortgeschrittenen-Dehnung beim Yoga. Schmerzhaft an Stellen, an die man so einfach nicht hinkommt, aber dann auch irgendwie gut.
Ich fühle mich generell zu Frauen mit einer eigenen Haltung hingezogen, egal, ob sie sich gut mit meiner eigenen Haltung versteht oder nicht.
Ja, ich bekomme dann so ein heimeliges Clubgefühl, weil wir beide geblickt haben, dass es absolut geil ist ein Abendkleid anzuhaben, aber das das auch nicht alles sein kann, was uns beschäftigt. Mit Haltung kann man in demselben nämlich gute Unterhaltungen führen, ich nehme sogar an, dass das Wort Unterhaltung von „Haltung“ kommt, denn schließlich hat auch die Unterführung im weitesten Sinne was mit Führung zu tun.
Nun schwelge ich also im ersten Teil des besagten Posts, in dem Sophie Passmann mit dem Kommentar der Followerin aufräumt, in diesem Clubgefühl und denke: Ja, finde ich nachvollziehbar, dass man sich nicht von einem läppischen und überdies überflüssigen Kommentar wie „Null Natürlichkeit mehr“ die persönliche Selbstinszenierung schrotten lassen möchte, über die man sich eben noch gefreut hat.
Jedenfalls fände ich persönlich es weltklasse und auch angebracht, den halben Tag mit Stylistinnen und Make-up-Artists zu verbringen, um danach absolut toll und immer noch wie ich aussehend zur Berlinale zu gehen. Und ich finds kleinlich und banal, schön angezogenen Menschen die Natürlichkeit abzusprechen.
Im zweiten Teil des Posts fühle ich mich dann regelrecht schlecht. So, als hätte mich gerade jemand persönlich aufgefordert, das Internet zu verlassen, was genau genommen nicht der Fall ist, auch, weil ich wie alle Menschen denke, dass ich ja anders bin.
Alle vor 1975 bitte den Saal verlassen, du auch Nina. Das fühlt sich ein bisschen so an wie im Sportunterricht, als dich keiner in der Mannschaft haben wollte oder wie die beiden Freundinnen, die sich ohne dich verabredet haben, als du 15 warst. Nicht cool. Ich bin jetzt schon vier Jahre zu lange im Internet, ohne dass Sophie Passmann mich dahaben wollte, denke ich. Und dann überkommt mich die Traurigkeit, als mir klarwird oder ich zumindest fühle, dass jemand, den ich toll finde, mich eigentlich gar nicht leiden kann. Ist vielleicht so ein Generationending.
Plötzlich stelle ich mir nahezu ernsthaft die Frage, ob es sowas wie alte weiße Frauen gibt, oder ob im Internet eher auf einmal Menschengruppen zusammentreffen, die sich vorher höchstens als Mutter/Tochter kannten und da schon nicht unbedingt wollten, dass der andere das eigene Zimmer betritt.
Als ich Anfang 30 war, hatte ich schlichtweg null Kontakt zu Menschen, die mehr als 10 Jahre älter waren als ich. Kurioserweise habe ich mit Anfang 30 in einer Internetagentur gesessen, um dasselbe zu erfinden, äh, nicht ganz, aber um Websites zu konzipieren, die 1999 noch eine halbe Million D-Mark gekostet haben. Selbstverständlich war in der Agentur kein Mensch über 40, Branding war noch was für Marken und nicht für Menschen, und wir hatten alle noch unsere natürlichen Fingernägel. Ich im Besonderen bin jeden Morgen in diese Agentur gegangen, für die ich mich viel zu schlecht gefühlt habe und hatte abends Zahnschmerzen vom Zähne aufeinanderbeißen (kein Witz), außerdem nie genug Geld für eine Selbstinszenierung, die mir selbst gefallen hätte und krasses Heimweh. Hamburg ist schön, aber nicht für mein 30jähriges, lautes, aber unsicheres Ich. Lange her.
16. Februar 2026. Bei der Tagesschau diskutieren sie aktuell darüber, ob Social Media unter 14 verboten werden sollte, vielleicht ja demnächst auch, ob man mit 50 aus dem Internet abhauen sollte.
Vielleicht gibts dann sowas wie eine Alters-ICE, Schwamm drüber, war jetzt vielleicht ein bisschen zu hart. Ich finde, man sollte zuerst allen 70jährigen die Führerscheine abnehmen.
Ich stelle gerade fest, dass meine Zeit begrenzt ist (nicht generell, also das auch, aber explizit heute, weil ich diesen Artikel schreibe). Und dass ich vielleicht gar keine Angst zu haben brauche, ob ich ins Internet gehöre oder nicht. Ich hab ja schon mal ohne Internet gelebt, weil ich einfach alt bin, und im Nachhinein betrachtet war das richtig gut. Das hatte was von Anfängen statt Algorithmus, von lustigen Modemgeräuschen, skurrilen Kaffeemaschinen-Webcams und von nach Hause kommen, wenn es dunkel ist. Und während ich jetzt hier mal rausgehe aus diesem Text und meiner Website und dem Internet, denke ich: Haste recht, Sophie. Eigentlich will ich lieber wieder genau dahin.
Foto von Jorge Franco auf Unsplash
2 comments
Hallo Nina, klasse geschrieben. Du bist eine tolle Frau mit allem zipp und zapp. Immer wieder drüber stehen und abgrenzen ist angesagt.😉. Schon spannend, was mit einem passiert, wenn man älter wird. Ich kenne das auch und bin froh, in einer anderen Zeit groß geworden zu sein. Schönen Abend. VG 🙂
Hi Katja, lieben Dank für dein schönes Feedback. Ja, Älterwerden ist ein Abenteuer mit allem drum und dran;-) LG Nina